Alexander Nikolajewitsch Sokurow

*1951, russischer Regisseur und Drehbuchautor.

„Die Entfremdung der Deutschen von ihrem kulturellen Erbe.“



Filmregisseur Alexander Sokurow, der für seine Faustverfilmung 2011 den Goldenen Löwen der 68. Internationalen Filmfestspiele von Venedig erhielt (vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Nikolajewitsch_Sokurow), im Interview mit dem Fernsehsender 3sat in der Reihe ‚kulturzeit‘ am 12.01.2012:

(04:22) „Die deutsche Sprache ist eine Errungenschaft der Zivilisation, sie ist ein Schatz, der der ganzen Menschheit gehört. Es ist so unglaublich viel Bedeutendes in deutscher Sprache gedacht und formuliert worden. … Leider ist die deutsche Geschichte tragisch verlaufen, deshalb ist Deutschland nach dem Krieg gedemütigt und die deutsche Sprache aus dem Bewußtsein der Welt getilgt worden. … Aber für mich ist Deutsch mehr als eine Sprache. Es ist Charakter, Atmosphäre, Emotion. Deutsche Schauspieler können Emotionen ausdrücken wie nirgendwo sonst auf der Welt. Sie artikulieren anders, weil die Sprache eine andere Seele hat. Sie ist ein Stück Zivilisation. …

(05:36) Ich liebe Deutschland, und komme gerne hierher. Aber die Deutschen müssen endlich damit aufhören, ihre nationale Kultur mit Füßen zu treten. Wenn die Deutschen das nicht schaffen, ist meine letzte Hoffnung für Europa dahin. … Ich glaube, die Deutschen haben einfach noch nicht verstanden, welche ungeheure Bedeutung das deutsche Kulturerbe für sie selbst, und für die ganze Welt hat. Ich kann mir diese Mißachtung nur so erklären: Deutschland hat es noch nicht vollständig kapiert, wie wichtig seine Kultur für die gesamte zivilisierte Welt ist. … Ich habe das Gefühl, daß die Deutschen sich davor fürchten, über ihre nationale Kultur zu reden. Aber was ist Deutschland ohne seine Kultur, seine Kunst, seine Sprache? Was bleibt dann? Was ist das für ein Volk, das seiner eigenen Kultur den Rücken kehrt? … Jede Region in Deutschland hat ihre eigene Auffassung von Kultur. Das ist gefährlich. Ich sehe weder im Fernsehen, noch im Museum, noch im Theater, die Liebe zur nationalen deutschen Kultur, so als hätten die Deutschen Angst davor. Aber wovor haben sie denn Angst?“

Das Interview:

 

 









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Den Blogbeitrag, durch den wir auf das Interview aufmerksam wurden (vgl.:
https://valjean72.wordpress.com/2017/01/18/die-entfremdung-der-deutschen-von-ihrem-kulturellen-erbe/) beschließt ein Zitat des nationalliberalen spanischen Diplomaten und Schriftstellers Salvador de Madariaga (1886-1978) aus seinem Buch „Portrait Europas“ (Stuttgart, 1939): „Deutschland bildet das Herzstück Europas, ist im Mittelpunkt seines Körpers, am Gipfel seines Geistes, in den innersten Räumen seines bewußten und unbewußten Wesens: die Quelle seiner erhabensten Musik, Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichte, Technik - sie alle sind undenkbar ohne Deutschland. Wenn Deutschland fällt, so fällt Europa. Wenn Deutschland verrückt wird, so wird auch Europa verrückt. Die moralische Gesundheit des deutschen Volkes ist eine der Hauptbedingungen für die moralische Gesundheit Euro­pas, ja für seine Existenz selbst.“ (Vgl. hier auch den Absatz vor und nach dem Zitat auf der Seitenkopie des Buches: http://www.archiv-swv.de/pdf-bank/MadariagaPortraitEuropas1939.pdf.)

Aktualisierte Verweise auf das Thema - ‚Deutsches Wesen, Deutschtum, Deutschsein‘:

Friedrich von Schiller: Deutsche Größe.
Das fragmentarisch gebliebene Gedicht als Studienmaterial. Den Titel fügte 1902 Bernhard Suphan hinzu, Literaturwissenschaftler und Direktor des Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs; Aktualisierung 2022.

Friedrich Schiller: Deutsche Größe – ein unvollendetes Gedicht.
Studienmaterial zum Gedicht; Nachbildung der Handschrift, herausgegeben und erläutert von Bernhard Suphan, im Auftrag der Goethe-Gesellschaft, erschienen 1902.

Friedrich Schiller: Deutsche Größe – Glück und Unglück des deutschen Charakters.
Studienmaterialien zum Gedicht; Artikel, Vorträge, Gedenkschriften zum Thema, 2022.

Dieter Borchmeyer: Was ist Deutsch?
Studienmaterial zum Gedicht; Variationen eines Themas von Schiller über Wagner zu Thomas Mann; Vortrag vor dem Thomas-Mann-Förderkreis München e.V., am 13.02.2008.